Ein Nachruf auf Hanswerner Mackwitz

von Alfred Strigl
am 01 September 2010

Liebet das Leben!

Ein Nachruf auf Hanswerner Mackwitz

Geboren am 24.8.1945 und gestorben am 20.8.2010

 

Gleich vorweg: Diese Zeilen sind eine ganz persönliche Ehrerbietung an dich, Hanswerner. Ich senke tief mein Haupt, beuge mein Knie zur Erde und ziehe den Hut vor dir, liebster Freund. Zum Niederknien gute und schöne Dinge hast du in deinem Leben vollbracht. Filme, Bücher, Düfte und Essenzen hast du uns in die Welt gezaubert. Für mich warst du damit der letzte, lebende Alchimist, der meisterhaft auf der Klaviatur der materia magica spielen konnte. In deinem Tun hast du nicht nur grobe Materie in feinste, stoffliche Höhen geführt. Du hast das Geistige hinter den Dingen in Werte, Worte und Werke verwandelt, hast den Spirit, der in den Dingen wohnt, eingefangen und ausgeführt für uns. Du warst ein Magier der stofflichen Verwandlung von Pflanzenkraft in Menschenwerk.

 

Ich stand mitten im Gemüsegarten meines Elternhauses. Bohnenkraut und Bauernblumen schenkten sich mir durch Augen und Sinne. Da läutete das Mobiltelefon und Johannes erzählte mir, dass sein lieber Vater, mein bester Freund Hanswerner vor wenigen Minuten von uns gegangen ist. Sonnenstrahlen wärmten das Gespräch und Tränen rannen über die Wangen. Licht und Schatten, Verheißung und Verstörung, Vision und Wirklichkeit. Das Leben von Hanswerner Mackwitz war stets ein Bewegendes – sich und die Welt. Einfach und gemütlich hast du’s dir und uns nie gemacht.

 

Nach abgebrochener Schule und als angelernter Chemiehilfsarbeiter holtest du das Abitur im zweiten Bildungsweg nach. Der Chemie galt zeitlebens deine Liebe. Doch bald stelltest du fest, dass es eine lebendige, lebensfreundliche, lebensbejahende, sanfte Chemie sein musste. Der harten, oft allzu giftigen Petrochemie sagtest du deinen Kampf an – zeitlebens. „Zeitbombe Chemie“ lautete dein Bestseller aus dem Jahre 1983. Das Werk wurde zur Bibel aller Umweltbewegten, mit denen du gegen die großen Konzerne zu Felde zogst. Keinen der vielen Prozesse hast du dabei je verloren. Alles was du vorbrachtest war penibel recherchiert.

 

Deine Leidenschaft galt Strategien zur Entgiftung unserer Welt. Täuschen und bemogeln hast du dich nie gerne lassen. Immer wolltest du hinter den Vorhang, hinter Masken und Fassaden blicken. Und da begegneten dir viele „Öko-Tricks und Bio-Schwindel“. Dies war auch der Titel eines weiteren Sachbuch-Bestseller aus dem Jahr 1990. Und der Unterteil lautete: „Damit uns Wirtschaft und Politik nicht mehr für dumm verkaufen können.“

 

Von Kosmetik über Kleidung bis zum Kinderessen, nichts war vor deinen Analysen und Recherchen sicher. Lange bevor die Welt wusste in welch‘ Turbulenzen wir schlittern, hast du vor den Gefahren gewissenlos eingesetzter Chemikalien gewarnt. Das Aufdecken von Skandalen wie den Dioxin-Umfall von Seveso, der zu Beginn deiner Kariere als kritischer Chemiker stand, ist für dich ebenso bezeichnend, wie die Staats- und Umweltpreise 2007 und 2008, die du für deine herausragenden Ideen im Bereich der Naturstoffchemie und -technologie am Ende deines viel zu kurzen Lebens erhalten hast.    

 

Doch ein Chemiker allein warst du nie. Neben der Naturwissenschaft hast du Politik-, Theaterwissenschaften und Philosophie in Basel studiert. Ob im Stadttheater zu Basel oder als Vorsitzender der Hochschülerschaft, deine Anliegen versuchtest du stets dramaturgisch bestens zu inszenieren. Mit „Umdenken-Umschwenken“ war dir Mitte der 1970-er Jahre eine große Ausstellung und Kampagne in der Schweiz gelungen, die eine erste Sternstunde der taufrischen Umweltszene darstellte. Ob 1978 im Kampf gegen das Atomkraftwerk Zwentendorf oder das Kraftwerk Hainburg durch die Au-Besetzung 1984, deine politische Überzeugung hast du durch deine Mitarbeit im deutschen Bundestag zu Bonn als auch im österreichischen Parlament in Wien jahrelang tatkräftig unter Beweis gestellt. 

 

Eine weitere Facette deines Schaffens bilden die vielen herrlichen Dokumentar- und Sachfilme, die du uns als Regisseur auf die Leinwand gezaubert hast: ob diese das Aufdecken von Giften in Mode und Öko-Look waren wie 1996 in „Reiz-Wäsche“, oder die vielen liebevollen Interviews für Funk und Fernsehen unter anderem Ivan Illich, Erwin Chargaff und Ernst Friedrich Schumacher. Doch der liebste unter deinen Filmen ist mir immer noch dein Kinder- und Zeichentrickfilm „Frech wie Oskar“. Anfang der 1990er entstanden, vermittelt der Film in listig-lustigen Bildern wie ein Bub mit Hilfe seines frecher Katers Oskar die Welt von Müll, Abfall und giftiger Chemie befreit. „Frech wie Oskar“ heimste so manchen Filmpreis ein, unter anderem 1992 am Internationalen Short Film Festival von Clermont-Ferrand, Frankreich oder 1993 am Kinderfilm Festival in Kairo.

 

Viel gäbe es noch zu erzählen, im Zwiegespräch meines Herzens mit dir. Zum Beispiel, dass ein Schulabbrecher wie du schließlich als angesehener und hoch geschätzter Professor an Universitäten und Hochschulen in In- und Ausland dozieren sollte. Oder dass du ein Forschungsinstitut nach den ganzheitlichen Ideen – Vernunft, Verstand, Sinnlichkeit und Fantasie – gemäß dem Farbenkreis von Goethe, deinem seelenverwandten Wissenschaftlerkollegen, aufgebaut und bis zu deinem Weggehen geleitet hast.

 

Wir haben dich, Hanswerner, nicht nur als Arbeits- sondern auch als großzügigen Lebensmenschen schätzen und lieben gelernt. Nun gehst du uns in der lebendigen Kunst der Verwandlung voraus in neue Räume, die zu betreten derweil bloß unsere Herzen vermögen. Mein Fühlen und Denken begleite dich auf deinen jetzigen Entwicklungswegen tröstend und ehrend. Woran du geglaubt, was du begonnen – wir werden es weiterführen. Mit einem Spruch von Lothar Zenetti möchte ich denn schließen:

 

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen,

was keiner sagt, das sagt heraus,

was keiner denkt, das wagt zu denken,

was keiner anfängt, das führt aus.

 

Niemand den ich kenne war diesem Credo näher als du, mein Freund!

In ewigem Verbundensein,

dein Alfred Strigl                   

 

Wien, am 25.8.2010, einen Tag nach deinem 65. Geburtstag

 

 

Kommentar von Gerald Bauer, erstellt: 17. September 2010, 14:44:18
Danke Alfred für den schönen Nachruf, auch ich/wir waren entsetzt! www.permakultur.net
Kommentar von Michael Bockhorni, erstellt: 23. September 2010, 20:21:08
zu spät, wollt Dir zum Geburtstag graturlieren, hab's verschoben, zu spät.

Auch für mich warst Du einer der ersten Lehrmeister bei meinem Einstieg in die Ökoszene als Umweltberater. Auch ich habe deine "Frechheit" bewundert, mit der Du dich mit den "Großen" angelegt hast.

Danke Alfred für die wunderbaren Zeilen
Kommentar von Georg Spirek, erstellt: 21. Oktober 2010, 15:08:42
Zu Ehren von Hanswerner gibt es nun auch einen Wikipedia- Eintrag.

Bitte verbessert den Eintrag weiter
im Namen der NetzwerkStAdt.

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