Karma Konsum Konferenz 2010
von Stefanie Gründl
am 16 Juli 2010
Durchs Fenster sehe ich Johannes Gutmann, Geschäftsführer von Sonnentor. Gemeinsam mit vier seiner Mitarbeiterinnen fotografiert er eine junge Familie am Börseplatz in Frankfurts Innenstadt. Er trägt ein knalloranges T-Shirt und eine 80 Jahre alte Lederhose – ein nachhaltiges Stück, wurde sie doch über Generationen vererbt. Letzteres erfuhr ich am Vormittag, im Rahmen seiner (Lebens-)Geschichte unter dem Titel „Vom Spinner zum Winner“, die er bei der Karma Konsum Konferenz erzählte.
„Empowering a new Spirit in Business“, so das Motto der Konferenz 2010. Entscheider, Quer- und Vordenker würden mich erwarten, auf der Businesskonferenz und Networking-Veranstaltung für neues Wirtschaften und nachhaltige Lebensstile. Auch wenn nur wenige Vorträge an diesem Freitag visionär und inspirierend waren, traf ich einige „smarte“ Menschen, wie sie Prof. Joseph Kessels bezeichnete. Menschen, die ihrem Herz und ihrem Willen folg(t)en, Pioniere, die mutig voran- und vorausgehen. Die für das einstehen, woran sie glauben und auch tun, was sie wollen.
Viel wurde über Sehnsucht gesprochen, in Frankfurt. Sehnsucht, dieses „bittersüße Gefühl eines erstrebenswertes Zustandes, der nicht mit der Realität übereinstimmt“, wie Nicole Lüdi vom Schweizerischen Gottlieb Duttweiler Institut es beschreibt. Die Umfrage, die von der Schweizerin und ihren KollegInnen durchgeführt wurde, bestätigt, was ich in der Welt wahrnehme: Es fehlt vielen Menschen etwas zum Glück. „Reconnection. Heimweh zuhause“ nannte es Lüthi und beschreibt damit die „Sehnsucht nach Geborgenheit, Entschleunigung und Vertrauen“. „Die Dinge im Griff zu haben“, in der komplexen Welt von heute.
Paul Kohtes sprach von der Sehnsucht junger (zukünftiger) Führungskräfte (oder sollte ich besser das Wort Leader benutzen, um die gegenwärtige Bedeutung des Begriffs zu entkräften?), nach sinnerfüllender Arbeit die Spaß macht und Selbsterfüllung, nach Miteinander und Vernetzung. Auf Repräsentanz, Macht und Kontrolle verzichten sie gerne. Genau an diesem Punkt sieht Kothes jedoch auch das gegenwärtige Dilemma: „Die Jungen“ sind im konventionellen System stark verwachsen. Aus diesem Grund machte es Freude und Mut, all die Menschen bei der Konferenz zu treffen, die diese neuen Qualitäten des Wirtschaftens nicht nur ersehnen, sondern bereits leben. Die ihren Fähigkeiten vertrauen und ihrem Herzen folgen. Die lösungsorientiert denken und über den Tellerrand blicken. So wie Johannes Gutmann oder Hannes Offenbacher. Letzterer plädiert in seinem authentischen und durchaus kritischen Vortrag, statt einer Anti BP-Protestgruppe, die Möglichkeiten des Web 2.0 zu nutzen und gemeinsam an neuen Ideen, wie etwa einer „grünen Tankstelle“ in Vereinsstruktur zu arbeiten oder zu einer „Bankwechsel-Party“ aufzurufen, anstatt die „ach-so-bösen-Banken“ an den Pranger zu stellen. Zu tun gibt´s schließlich genug in der Welt...
Auf die Frage, die uns schon so lange beschäftigt und bewegt „Wie schaffen wir den Paradigmenwechsel? Wie lösen wir uns von dem engen Korsett, von dem wir uns durch unser System so viele Jahre einengen ließen? Wie entsteht Bewusstseinsänderung?“ gab nur Paul Kothes eine Antwort:
HAVE A BREAK.
ENTSPANNUNG.
DISTANZ.
STILLE.
In diesem Sinne: Lehnen wir uns zurück, schließen wir die Augen, atmen wir ganz bewusst ein und aus… Und nehmen wir wahr, was ist...
Ps.: Dass Nachhaltigkeit nicht nur leidenschaftlich und freudvoll, sondern auch genussvoll sein MUSS, forderte die dritte Vortragende aus Österreich, Slow-Food-Botschafterin Barbara van Melle. Dass es auch genussvoll sein KANN, bewies das Bio-Buffet in den Pausen.
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